Warum ich kein WhatsApp mehr verwende

Nachdem ich im Freundeskreis angekündigt hatte, künftig auf WhatsApp zu verzichten, wurde ich gefragt, warum ich das mache. Es gab diverse Kommentare, dass es übertrieben sei, schließlich sind die Nachrichten doch End-zu-End verschlüsselt. Und in Europa gibt es die DSGVO, die uns doch vor Datenmissbrauch schützt.

Zuerst wollte ich auf die einzelnen Nachrichten antworten und merkte dann, dass die Texte immer länger und länger wurden. Aus diesem Grund entschloss ich mich, diesen Artikel zu schreiben, um meine ganz persönlichen Gedankengänge besser darstellen zu können.

Bye bye Facebook

Ich lebe jetzt schon ein Jahr ohne Facebook. Während meines Entscheidungsprozesses hatte ich das Gefühl, dass ich etwas verpassen könnte; das ich sozial isoliert sein würde und nicht mehr am Leben um mich herum teilnehmen könnte. Ich bekomme ja schließlich nicht mehr mit, was meine „Freunde“, die ich teilweise noch nie im realen Leben getroffen habe, den ganzen Tag so machen.

Aber schon einige Tage nachdem ich meinen Facebook-Account gelöscht hatte, merkte ich, dass sich meine Befürchtung von sozialer Isolation nicht bewahrheiteten. Im Gegenteil – ich hatte auf einmal jeden Tag 30-60 Minuten mehr Zeit für mich und meine Interessen.

Das Problem mit dem Dopamin

Dopamin (https://de.wikipedia.org/wiki/Dopamin) ist ein Hormon, dass ein Gefühl von Wohlsein und Glück in uns erzeugt. Unser Körper erzeugt es z.B., wenn wir Sport machen, aber auch, wen wir sozial interagieren. Evolutionär ist es wohl von Vorteil, wenn wir soziale Interaktionen pflegen. Darum werden wir mit dem Glückshormon für jeden sozialen Kontakt belohnt. Und wenn es sich gut anfühlt, dann wollen wir es immer wieder.

Genau dieses Prinzip machen sich Facebook, Google und Co. zu Nutzen. Sie wissen, dass jede Nachricht, jeder Like und jede goldene Münze in einem Online-Spiel, ein kleines Glücksgefühl in uns auslösen.

Das Problem ist, dass wir nicht einen Like pro Tag bekommen und auch nicht eine goldene Münze. Wir bekommen hunderte davon. Und unser Dopaminspiegel steigt und steigt. Nach einigen Wochen ist es dann so weit, dass unser Gehirn immer wieder nach den kleinen Goodies in Form von Anerkennung (Likes, Nachrichten und Münzen) verlangt, denn es hat sich an den Dopaminspiegel in unserem Blut gewöhnt und ohne Dopamin fühlen wir uns auf einmal schlecht. Es ist eine Sucht entstanden. Fast jede*r von uns bemerkt das Problem spätestens dann, wenn wir das Handy mal für eine Woche abschalten sollen. Wir werden innerhalb kürzester Zeit unglücklich und haben das Gefühl einsam zu sein. Und die einzige Chance, dieses Gefühl der Einsamkeit zu beseitigen scheint zu sein, dass Handy wieder einzuschalten. Die Nachrichten und Likes kommen rein und es geht uns wieder besser. Es ist genau das gleiche Suchtverhalten, dass Raucher an den Tag legen.

Das andere evolutionäre Problem: Wut!

Neben dem Glücksgefühl gibt es noch eine zweite mächtige Emotion. Das ist die Wut. Es ist viel leichter uns vor dem Bildschirm zu halten, wenn man uns mit Nachrichten und Artikeln versorgt, die uns verärgern. Das gelingt ziemlich gut indem man uns und eine Gruppe weiterer Menschen gegen eine andere Gruppe aufbringt. Im Moment kann man das sehr gut in den USA beobachten. Demokraten und Republikaner schlagen sich – angefeuert durch Facebook – die Köpfe ein. Noch nie war der Graben zwischen diesen beiden Lagern so groß wie heute. Facebook zeigt Demokraten hetzerische Artikel über die Republikaner und den Republikanern wird vermittelt, das bei der Wahl betrogen wurde.

Ihr lest weiter und weiter und verbringt immer mehr Zeit auf den Plattformen voller Ärger über das vermeintliche Unrecht auf der Welt. Und während ihr die Artikel in eurer Timeline teilt und Likes dafür bekommt, steigt zeitgleich wieder das Dopamin und Ihr werdet belohnt dafür, dass Ihr an der Anfeuerung negativer Gefühle beteiligt seid.

Der umgekehrte Weg wäre es, ein Glücksgefühl zu erzeugen. Aber damit hält man niemanden vor den Geräten. Wenn ich z.B. sage, dass unsere Zeit gar nicht so schlecht ist, der Umweltschutz auf einem guten Weg ist, wir noch nie so wenige Kriege hatten und aktiv etwas für Frauenrechte und gegen Rassismus getan wird, dann erzeugt das keine starken Emotionen und die Nutzer schalten ab.

Und was hat WhatsApp nun damit zu tun?

WhatsApp wurde vor einigen Jahren von Facebook für 19 Milliarden Dollar aufgekauft. Und da war auch schon dem Dümmsten klar, dass keiner 19 Mrd. $ für etwas ausgibt, das er nicht gewinnbringend einsetzen kann.

Zu dem Facebook Konzern gehört neben der gleichnamigen Plattform auch WhatsApp und Instagram. Über diese drei Plattformen erstellt Facebook Nutzerprofile von jedem Einzelnen. Und auch wenn der Inhalt der Nachrichten verschlüsselt ist und evtl. nicht von Facebook gelesen werden kann, so entstehen haufenweise Metadaten. Metadaten sind die Daten, die mit einer Nachricht anfallen. Dazu gehört z.B. eure aktuelle Position, die Uhrzeit, der Kontakt, mit dem ihr schreibt, etc…

Wenn Du also nachts um drei regelmäßig mit einer Person in Deiner Nähe schreibst, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ihr ein enges Verhältnis habt. Für diesen Rückschluss benötigt Facebook nicht den Inhalt des Textes.

Kombiniert man nun die gesammelten Metadaten aus WhatsApp, die Daten auf der Timeline von Facebook und noch ein paar Follower auf Instagram, ergibt sich ein super genaues Bild über jeden Nutzer. Eure Vorlieben, die sexuelle Ausrichtung, politische Ansichten, etc…

Selbst wenn Ihr z.B. nichts Politisches auf Eurer Timeline postet, tuen es Eure Freunde. Und wenn 60% Eurer Kontakte mit der SPD sympathisieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr auch die SPD favorisiere.

Was ist falsch an Werbung?

Ich persönlich habe kein Problem mit Produkt-Werbung. Auch ein bisschen Ausrichtung auf den potenziellen Kunden – also mich – stört mich nicht. Wenn ich mir schon Werbung ansehe, dann möchte ich lieber was über die neuen E-Autos 2021 erfahren als über Strickwolle.

Das Problem ist, dass diese Werbetools nicht nur für Produktwerbung verwendet werden. Inzwischen benutzen politische Parteien diese Tools ganz gezielt, um Meinungen zu sozialen und politischen Themen zu beeinflussen. Es werden Artikel für Geld an Menschen ausgeliefert, die statistisch gesehen, dazu geneigt sind, in eine Richtung zu kippen.

Facebook muss Geld verdienen. Das tuen sie, wenn Sie wirtschaftlichen oder politischen Institutionen eine Gruppe von Menschen liefern, die für ihre Produkte oder radikalen Ideen anfällig sind. Das Produkt, dass Facebook verkauft, das seid IHR! Facebook hat ein Profil von jedem einzelnen und verkauft es an Werbetreibende, Politiker und an extremistische religiöse Gruppen. Und an den Stellen, wo ihr in Eurer Meinung nicht gefestigt seid, da beeinflussen die Werbetreibenden, die Facebook einsetzen Euch.

Und da geht es eben nicht um die harmlose Frage, ob ihr einen BMW oder einen VW kauft. Es geht um Eure moralischen Werte, die langsam verschoben und radikalisiert werden.

“Wenn das Produkt kostenlos ist, dann seid IHR das Produkt!

Was kommt nach WhatsApp für mich?

Ich möchte nicht mehr von Facebook als Produkt vermarktet werden. Mich stört vor allem, dass Facebook meine Emotionen und Überzeugungen verändert und mich mit Likes süchtig gemacht hat.

Ein einzelner Konzern sollte nicht über so viele Daten von einer Person verfügen. Sie haben ihr Wissen über uns missbraucht, um uns an Institutionen zu verkaufen, die uns für ihre Zwecke und Ideologien manipulieren.

Ich benutze den Signal-Messenger schon seit über einem Jahr. Der aktuelle Post von Elon Musk spielt mir zugegebenermaßen etwas in meine Hände. Bisher war es fast undenkbar mich von WhatsApp zu lösen und meine Daten dem Facebook Konzern zu entreißen. Aber nun, da Signal diesen Zulauf erlebt, kann ich meine ganzen liebgewonnenen Gruppen umziehen.

Die Signal Foundation ist eine Stiftung und verfolgt daher kein finanzielles Interesse. Ob das immer so bleiben wird, wage ich zu bezweifeln.  Auch dort wird irgendwann das finanzielle Interesse in den Vordergrund rücken. Vielleicht ist es diesmal Google, die den Laden aufkaufen – wer weiß.

Aber zurzeit habe ich das Gefühl, dass meine Daten dort nicht verwendet werden, um mich zu manipulieren.

Es ist nicht alles schlecht

Ich möchte nicht ganz auf soziale Medien verzichten. Sie machen Spaß! Ich verwende z.B. noch immer Instagram.

Manchmal bringen soziale Medien sogar lange getrennte Familien wieder zusammen. Es geht mir nicht darum alles zu verteufeln und mich mit meinem Aluhut in meine Waldhütte zurückzuziehen. Aber wenn Unternehmen ein zu genaues Profil von uns haben, dann werden wir für sie steuerbar.

Schlusswort

Wir müssen unsere Daten besser schützen, indem wir sie auf verschiedene Unternehmen aufteilen. Wenn jeder nur einen Teil der Daten hat, ergibt sich kein Gesamtbild von uns. Ein Konzern allein sollte nicht so viel über uns wissen. Unsere Krankenkasse weiß z.B. nur einen Bruchteil von dem, was Facebook über jeden von uns weiß. Ich finde das sehr bedenklich.

Nur wenn wir Facebook und Co. zeigen, dass wir mit ihrem Vorgehen nicht einverstanden sind, werden sie ihr Geschäftsmodell ändern. Und darum ist es dringend erforderlich sich von dem einen oder anderen Social-Media-Account zu trennen.

Wenn jemand weiter in das Thema einsteigen will:

Das Dilemma mit den sozialen Medien | Netflix – offizielle Webseite

Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst von Jaron Lanier (hoffmann-und-campe.de)

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